INTERVIEW Chelbi, Paris - Tunis 2007

Inverview von Mustapha Chelbi

Wie sind Sie zur Malerei gekommen?

Im Alter von 4 Jahren schaute ich gerne meinem Großvater zu, der übrigens aus Ungarn stammte, wenn er Jugendstilmotive mit Frauengestalten und Blumen zeichnete. Seine große Schachtel mit Buntstiften beeindruckte mich besonders und ich beschloss, es ihm eines Tages gleich zu tun. Später im Gymnasium hatte ich einen Zeichenlehrer, der mich dazu ermutigte, nicht nur mit dem Pinsel zu malen, sondern die Farbe direkt aus der Tube auf das Papier zu drücken. Seit damals hat sich mir eine neue Welt eröffnet. Ich begann, Bilder im Stil der Expressionisten zu malen, die meine Eltern damals zu wild fanden. Bei meinem ersten Aufenthalt in Frankreich im Jahr 1957, wo mir eine Tante eine Schachtel Ölkreiden schenkte, lernte ich die Kubisten kennen und da begann ich, meine Umwelt mit anderen Augen zu betrachten: ich beobachtete die großen Linien und einzelnen Flächen, um sie dann voneinander zu trennen und nach meinen eigenen Vorstellungen neu zusammenzusetzen. Dabei entstanden Stillleben in Ölkreide. Nach einigen Jahren autodidaktischer Studien und einer längeren Pause, während der ich mich meiner Familie widmete, beschloss ich, in Kursen verschiedene Maltechniken zu erlernen: zunächst beschäftigte ich mich mit dem Aquarell, dann mit der Ölmalerei, Acryl und Collage, Skulptur und Lithographie.
 
Woher kommen Ihre Inspirationen und was gibt Ihnen die Kraft zum Malen?
In meiner Jugend ließ ich mich von Werken anderer Künstler (siehe „Der Kuss“ von Rodin oder „Der Hund“ von Toulouse-Lautrec) oder von Fotografien inspirieren, die ich auf meine Art und Weise interpretierte. Danach habe ich meine Vorlagen in meiner unmittelbaren Umgebung und oft bei einfachen Gebrauchsgegenständen gefunden. Erst beim Aquarellmalen begann ich, die Natur genauer zu beobachten, die verschiednen Farben und Formen von Blumen, das Spiel von Licht und Schatten auf den Blättern, die großen Perspektiven der Parkalleen etc. Angesichts von so viel Schönheit und Vielfalt in der Natur war mein Herz so voll Freude, dass ich sie mit meinem Pinsel einfangen und so den Betrachtern meiner Bilder mitteilen wollte.
Jede neue Technik, mit der ich mich beschäftige, eröffnet mir neue künstlerische Horizonte. Sogar bei der Verwendung von neuen Materialien entdecke ich andere Ausdrucksmöglichkeiten. Das sieht man am Beispiel meiner Mohnkapseln, von denen ich zunächst ein Aquarell gemalt habe, dann eine dreidimensionale Collage und schließlich ein abstraktes Bild in Acryl.
Die Kraft zum Malen finde ich vor allem im Gebet und danach in der Ausführung meiner Vision selbst. Manchmal dauert es viele Jahre von der ersten Idee bis zur Durchführung eines Bildes. Oft beginne ich zu malen, wenn im Haus alles in Ordnung gebracht ist, ich lege mir eine Cd mit meiner Lieblingsmusik von Mozart, Beethoven, Schubert oder Chopin auf, und vergesse in meinem Dachatelier die Welt um mich. Manchmal arbeite ich bis zum Morgengrauen und fühle mich am nächsten Tag keineswegs müde. Wenn ich meiner Inspiration folgen und sie getreu umsetzen kann, erwachsen mir daraus neue Kräfte. Natürlich ist mir auch die Ermutigung durch meine Familie und die Freunde meiner Kunst sehr kostbar.
 
Was ist das Besondere an Ihrer Kunst?
Auf diese Frage sollten eher Kunstkritiker und Zuschauer antworten, aber im Allgemeinen ist es doch die Sensibilität beim Umgang mit den Farben und die Beachtung einer wohlüberlegten Komposition, die dem Zufall nicht viel Spielraum lässt. Aus dieser Spannung zwischen Ordnung und Freiheit entstehen harmonische und sehr feminine Bilder mit großer Leichtigkeit und mitreißendem Fluss, manchmal sogar mit einem kleinen Augenzwinkern (siehe meine Interpretationen der großen Meister). Hier genügt kein flüchtiger Eindruck, sondern das Auge muss sich Zeit für einen Spaziergang durch mein Bild nehmen, um immer etwas Neues, vor allem aber, um die oft in überraschenden Details versteckten Subtilitäten zu entdecken.
 
Sie arbeiten in verschiedenen Richtungen: figürlich, Stillleben, expressionistisch, kubistisch, abstrakt… Was ist das Geheimnis hinter einer solchen Vielfalt?
Während meiner Autodidaktischen Studien hatte ich eine große Freiheit bei der Wahl meiner Stilrichtungen. Aus Interesse an den vielen Möglichkeiten habe ich mehrere Techniken erlernt, die mich ihrerseits wieder zu neuen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten und anderen Sujets geführt haben. So hat mich jeder neue Schritt bereichert und dazu ermutigt noch weiter zu gehen. Ich bin ununterbrochen am Lernen und möchte mich nicht auf einmal gefundenen Wegen ausruhen, denn ich finde, dass die Offenheit gegenüber neuen Möglichkeiten das Geheimnis einer permanenten Verjüngung ist.
 
Wie kann man bei der Vielfalt Ihrer Ausdrucksformen eine einheitliche Linie in Ihrem Werk finden?
Ich gestehe, dass meine Freunde es manchmal schwierig finden, meinen vielfältigen Ausdrucksformen zu folgen, aber da jede neue Form einer zuvor gemachten künstlerischen Erfahrung entspringt, besteht ein innerer Zusammenhang, der sich dem aufmerksamen Betrachter eröffnet. In meinen Collagen findet man Teile von Aquarellen zwischen Flächen, die in Acryl gemalt sind, in der Serie „Dialoge“ lasse ich die großen Meister und Vorbilder meiner Jugend wieder aufleben, in meinen „Gartenabstraktionen“ gebe ich meine früheren Ölbilder „Gartenkompositionen“ in Acryl wieder. Und dafür gibt es noch andere Beispiele. Was all meine Bilder gemeinsam haben, ist die Harmonie der Farben und Komposition, die ihnen die Heiterkeit verleiht, die meine Freude am Leben und Malen wiedergibt.
 
Sie verwenden auch verschiedene Techniken: Öl. Collage, Aquarell…
Kann man all diese Zugangsweisen zusammenfassen, die Ihr Betätigungsfeld erweitern, ohne von Zersplitterung zu sprechen?
Da ich alle Techniken nacheinander entdeckt habe, repräsentieren diese sozusagen meine einzelnen künstlerischen Entwicklungsstufen. Die Auswahl so vieler Techniken stellt natürlich eine große Herausforderung für mich dar und ich benötige dabei viel Disziplin. Glücklicherweise male ich manche Sujets lieber in der einen Technik, doch manchmal male ich auch ein und dasselbe Sujet in verschiedenen Techniken, wodurch oft faszinierende Ergebnisse entstehen. Ich kann nur die Betrachter einladen, die vielfältigen Facetten meines Werkes zu entdecken. Natürlich gefallen dem einen eher meine Aquarelle und ein anderer ist wieder von meinen abstrakten Bildern fasziniert. Auf jeden Fall kann keine Rede von Zersplitterung sein. Es geht darum, eine dynamische künstlerische Entwicklung in all ihrem Ausdrucksreichtum aufzuzeigen.
 
Können Sie uns Ihre künstlerische Persönlichkeit hinsichtlich der Ölmalerei, der Collage, dem Aquarell und Acryl erklären?
Da ich aus Wien stamme, einer Stadt die für die Musik berühmt ist, gestatten Sie mir einen Vergleich aus diesem gebiet zu ziehen: Wenn man die Musik liebt, ist man für all ihre Formen offen. Ein Komponist verwendet auch oft ein und dasselbe Motiv in verschiedenen Musikstücken oder sogar eine Melodie eines anderen Komponisten, um diese nach seiner Inspiration zu einer neuen Komposition umzuwandeln. Ebenso ist es in der Malerei. Die Ölmalerei ist für mich wie die große Symphonie in der Musik, das Aquarell wie Kammermusik, die Zeichnung wie ein Soloinstrument, Acryl ist wie Oper, Collage wie ein Quodlibet etc…
 
Welche Maler schätzen Sie besonders?
In meiner Jugend war ich von Picasso, Braque, später von Monet, Toulouse-Lautrec und Gauguin begeistert, aber die Maler die ich besonders gerne habe sind Marie Egner, Olga Wiesinger-Florian und Georgia O’Keeffe.
 
Was ist bei all den verschiedenen Richtungen der Gegenstand Ihrer Malerei?
Alles was meine Aufmerksamkeit durch eine besondere Harmonie der Linien oder Schönheit der Farben auf sich zieht, ob das jetzt Blumen sind, Gärten, Architekturdetails, Landschaften, Charakterköpfe, aber auch abstrakte Formen.
 
Ihre Freude an der Malerei bereitet uns ein wahres Vergnügen bei der Betrachtung… Sie entsprechen so dem Wunsch von Delacroix, wonach ein Bild ein Fest für die Augen sein soll…..